Geschichte und Kultur der Modelbackkunst

Am Anfang war der Ackerbau

…und mit ihm kam Sesshaftigkeit und Muße.

Da saß vielleicht mal ein Vorfahr an einem sonnendurchglühten Stein, goss einen Klecks Brei drauf und garte sich einen Fladen. Eine beliebte Technik in warmen Ländern und eine praktische dazu, denn feste Fladen ließen sich beim Wandern in die Tasche stecken.

Aus Langerweile drückte unser Vorfahr den Finger auf den Teig und stellte fest, dass der sein Muster behalten konnte. Flugs druckte er in die nächsten Fladen Sonne, Mond und Sterne. Den schönsten trug er zum Priester, der ihn daraufhin zum Oberbäcker der Tempelküche machte.

Ein gutes Geschäft, denn Opfergaben wurden fleißig gebraucht und unser begabter Vorfahr konnte den Göttern gleich mit einem Hölzchen aufschreiben, wofür sie jeweils gedacht waren.

Römische Brötchen

In einer 4000 Jahre alten Palastküche im Zweistromland kamen bereits Backmodel zum Vorschein. Prächtiges Gebäck begleitete alle Feste des Lebens, bei allen Kulturvölkern der Erde. Die Deko-Lebkuchenherzen auf heutigen Rummelplätzen stellen das kaum bemerkte und unrühmliche Ende dieses ehrwürdigen Brauchs dar.

Selbstverständlich wurden die Opfer- und Liebesgaben auch verzehrt. Die Römer gelten als die Schöpfer unseres „Leb“-Kuchens, als sie uns ihr Opfergebäck „Libum“ an den Rhein brachten.
Gerne wurde schlichtes Honiggebäck mit importiertem Rohrzucker süßer gemacht. Sofern man sich den leisten konnte. Unseren heimischen, billigen Zuckerrüben-Zucker gab es noch lange nicht.
Die Massenimporte aus amerikanischen Zuckerrohrplantagen veränderten schließlich die alten Rezepturen drastisch und damit auch die Modeltypen.

Der Model mit dem Blumenkorb wurde einem spätrömischen Original nachgebildet, welches sich im Museum Schloss Hohentübingen befindet.

Waren die antiken Lebkuchen Ideengeber für geprägte Münzen?

Nicht nur die Ähnlichkeit spricht dafür. Der Handel im Altertum ging ja so: „Ich gebe dir drei Ziegen und du gibst mir dafür etwas, das ich gebrauchen kann.“ Die Erfindung von Geld machte solche Geschäfte viel einfacher. Das Bezahlen mit Münzen soll allerdings erst um 600 v. Chr. in Schwung gekommen sein.

Lange, lange vorher hatte man schon mit Göttern Handel getrieben. Die konsumierten gerne blutige Schlachtopfer – so kam man überein – , aber auch Wohlgeruch und honigsüße Teigfladen mit passender Prägung. Als Gegengabe erwartete man dafür zuversichtlich Fruchtbarkeit, Gesundheit, Löwenkräfte, Sieg…

Da die Götter die Handelsware nie abholten und Verschwendung noch nicht in Mode war, konsumierte man die guten Sachen nach einem Ritual auch selbst. Die hübschen Honigbrote mit Aufdruck kannte man an allen Enden der Welt, vom Indus bis zum Niederrhein. Und dies lange vor den Römern, denn ein formbarer Brotteig fordert geradezu zum Mustermachen auf.

Und was waren diese geprägten Teigfladen anderes als – Geld?

„Eros auf Rosenblättern schlummernd“

Der originale hellenistische Backmodel wurde in Priene gefunden. Jetzt schlummert der schlimme Knabe in der Antikensammlung, Staatliche Museen zu Berlin. Inv. TC 8725

Ende des Mittelalters blühte die Kunst des Modelbackens neu auf. Die Kombination exotischer Gewürze mit hochrangiger Schnitzkunst machte sie ideal für Ehrengeschenke. Jedes Thema ließ sich ja in den Teig drücken: Adelswappen, Symbole, biblische Geschichten, Frivoles und Freches.

Die „Lebzelter“ auf dem Lande begnügten sich mit einfachen Ornamenten und süßten ihre Leb-Kuchen mit heimischem Honig.

Am Rhein, wo das begehrte Zuckerrohr auf Schiffen eintraf und verarbeitet wurde, fiel der billige Sirup an. Er durfte fortan bei keiner „Printe“ mehr fehlen, allerdings verdunkelte er das Schattenspiel des Musters. Folglich entstanden angepasste Model, die eine schwierigere Modeltechnik verlangten.

Die „Springerle“ dagegen arbeiten nur mit weißem Zucker, weshalb sie sich als das schönste Modelgebäck bezeichnen dürfen. Sie werden noch heute in Süddeutschland und in der Schweiz gebacken, ihrer Problematik zum Trotz.

 

Lesen Sie hierzu: „Wie hart gewordene Springerle fröhlich machen können“
„Springerle oder Spekulatius?“
„Das Geheimnis des York Mayne Bread“
„Der Streit um die Aachener Printe“
„Das Printengedicht“
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